Was ruft man Cartoonisten nach?

Von Harald Kretzschmar                                         neues deutschland 26.August 2019

Cartoon sagt man, wenn das Wort Karikatur zu abgedroschen und profan erscheint. Vornehm und weltläufig klingend, will Cartoon Bildwitz benennen. Von der zeichnerischen Originalität her möglichst ein Leckerbissen. Der kennerische Blick hat schon lange im Sächsischen Spuren davon ausgemacht. Doch vieles, was dort einmal war, gibt es nicht mehr so ganz selbstverständlich. Die Thomaner singen noch, aber Reclam ist weg. Die Zeitung gibt es noch, aber der Cartoon wird importiert. Etwas, was bereits in den 70er Jahren in Sachsen blühte, und sich in Leipzig „Karicartoon“ nannte, ist abgehakt, und nicht mehr im Angebot.

Nun also ist doppeltes Gedenken angesagt. So etwas wie ein Nachruf passt aber eigentlich nicht so recht zu Menschen, die zeichnerisch zeitlebens nachdenkliche Heiterkeit verbreiteten. Verfügten denn die am 7. und am 12. August verstorbenen  Leipziger Cartoonisten Lothar Otto und Achim Jordan überhaupt noch über so etwas wie einen gewissen Ruf? Die 1932 und 1937 geborenen Meister des Zeichenstiftes haben diesen zwar bis zum letzten Lebenstag mit gewohntem Charme geschwungen – aber wer bemerkte das? Lothar Otto war mit seinen skurrilen Bildpointen von Arcona bis Skopje, von Greiz bis Gabrovo einmal Preisträger, aber bis vorgestern fand man ihn zuverlässig nur noch im schweizerischen  „Nebelspalter“ gedruckt. Achim Jordan war Jahrzehnte der feste Stammzeichner der LVZ, und wurde seit 1989 zum satirischen Begleiter der friedlichen Revolte – nachdem er kräftig jüngere radikalere Talente auf den alternativen Weg gebracht hatte. 

Die Kunst des Zeichnens war Lehrfach. Der aus Chemnitz stammende Lothar Otto machte sein Grafiker-Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, um im „Eulenspiegel“ und auf manch anderem Spassacker sein Feld zu bestellen. Und der gebürtige Magdeburger Achim Jordan kam beizeiten nach Leipzig zur Kunstgewerbeschule, um das Zeug dazu zu haben, neben der Zeitungsarbeit der Werbegrafik Komik zu geben. Die Temperamente beider waren so grundverschieden wie ihre zeichnerischen Handschriften. Wortkarg bedächtig mit hintergründigem Humor eher asketisch der eine, und stets sprudelnd erheiternd aus dem Vollen schöpfend, aber tiefgründig politisch der andere. Im stillen Kämmerlein werkelnd der eine, eingespannt in vielerlei Aktivitäten der andere.

Man fragt sich, warum der sächsische Raum jetzt so arm an Entfaltungsmöglichkeiten für junge Talente in dieser Richtung ist. Hochschulen, Museen und Redaktionen werden von Leuten dominiert, denen der sächsische Witz offenbar so fremd ist wie der jüdische. Die West-Fans von Erich Ohsers „Vater und Sohn“ werfen mit Riesenpreisen aus Plauen in alle Welt – im Sächsischen selbst gilt ihnen nur marktkonformer Comic etwas. Der Abgott sächsischer Zeichenkomik, Henry Büttner, lebt am Rand von Chemnitz und hat seit zwei Jahrzehnten keinen Strich mehr veröffentlicht. Nun sind wieder zwei von der Sorte tot, und wir gucken etwas ratlos. Aber bitte nicht witzlos!

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